Weiße Stadt Reinickendorf (1929–31)

die Puristische in Reinickendorf

Mit ihrer klar und kantig gegliederten Architektur entspricht die Weiße Stadt am deutlichsten den typischen Formprinzipien des Neuen Bauens. Ihre beiden zentralen Wahrzeichen – die Torbauten und das Brückenhaus – feiern den Fortschritt aus automobiler Perspektive. Anders als die stark farbigen Fassaden Bruno Tauts erstrahlt die von drei Architekten entworfene Anlage auf den ersten Blick fast komplett in leuchtendem Weiß. Wer genauer hinschaut, entdeckt aber auch hier farbige Details.

Berlin-Karte-Weisse-Stadt

Fakten

  • Bezirk: Reinickendorf
  • Nahverkehr: U-Bhf. Paracelsus-Bad · Residenz-Straße
  • Gesamtfläche: 37/29 Hektar · 14,3 acres
  • Anzahl Wohnungen: 1268
  • Wohnungsgrößen: 1,5 bis 3,5 Zimmer
  • Bauzeit: 1929 – 1931
  • Gesamtleitung: Martin Wagner
  • Städtebaulicher Entwurf: Bruno Taut + Martin Wagner
  • Architekten: Otto Rudolf Salvisberg, Bruno Ahrends, Wilhelm Büning
  • Gartenarchitekt: Ludwig Lesser
  • Bauherr/in: Gemeinnützige Heimstättengesellschaft Primus mbH
  • Eigentümer/in: Etagenwohnungen: Deutsche Wohnen SE, einzelne Wohnungen in Privatbesitz
  • Einwohner: ca. 2100
  • Denkmaltyp: Ensemble-Denkmal (Nr. 09011813)

Botschaft

Verglichen mit den angrenzenden Wohnblöcken aus der Jahrhundertwende wirken die glatt verputzten, blendend weiß gehaltenen Fassaden der Bauten markant und reduziert. Unter Bezug auf die 1919 in Weimar gegründete Kunst- und Designschule, sprechen viele Architektur-Liebhaber auch vom "Bauhaus-Stil". Diese Assoziation ist verständlich, aber nicht wirklich zutreffend, da keiner der vier beim Bau des Ensembles beteiligten Planer je am Bauhaus gelehrt oder gelernt hat. Der Verzicht auf Dekor und die Vorliebe für einzelne, wie Kuben aneinanderstoßende Gebäudeteile sind vielmehr typisch für ein Reihe von Reform-Bewegungen, die auch gestalterisch einen deutlichen Neubeginn und eine Abkehr vom Stil des Historismus forderten. Solche Bewegungen hatten sich ab Mitte der 1920er-Jahre nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas entwickelt. Die länderübergreifenden Ähnlichkeiten führten wenig später sogar dazu, dass sich der Begriff des International Style etablierte und ab Mitte der 1930er-Jahre zur Grundlage der globalen Moderne wurde. Trotz der radikal modern gestalteten Fassaden folgen Teile der Anlage dem typischen Berliner Schema der Blockrandbebauung mit entlang des Straßenverlaufs geführten Bauten, die nur gelegentlich durch einzelne Zugänge in den Innenbereich durchbrochen werden. Im nordöstlichen Teil hingegen findet sich eine moderne Zeilenbauweise, wie man sie wenig später auch beim Entwurf der Ringsiedlung Siemensstadt zugrunde legte.

Design

Um den Aspekt des Neuen und Reinen zu betonen, wählte man für alle Fassaden ein neutrales Weiß, was der Siedlung ihren Namen gab. Schaut man genauer hin, sind jedoch einzelne Elemente, wie Türen, Fenster, Regenrinnen und Dachüberstände, farbig abgesetzt. Durch diesen Kniff erscheint das Weiss der Fassaden noch leuchtender. Auch das Innere der Treppenhäuser überrascht mit einer oft sehr farbigen Gestaltung. Der Bau der Siedlung erregte damals viel Aufsehen. Speziell die beiden Torbauten an der Kreuzung Aroser Allee, Emmentaler und Gotthardstraße wurden vielfach gelobt und in Fachmagazinen publiziert. Die beiden großen, vierspurigen Verkehrsachsen wurden bewusst in den Entwurf integriert. Es war die Zeit des aufkommenden Automobils, das als Fortschrittssymbol galt und hier zum Teil der Gesamtinszenierung wird. Hierzu passt vor allem das markante Brückenhaus, das die nördliche Aroser Allee überspannt und auch aus dem Inneren der Wohnungen entsprechende Ausblicke auf den fließenden Verkehr des "Schweizer Viertels" bietet. Das ist aus heutiger Sicht gewöhnungsbedürftig, muss aber auch vor dem Hintergrund damaliger Technikbegeisterung gesehen werden. Gleichwohl wurde bei Ausrichtung und Zugang zu den Wohnungen der Gesamtanlage viel Wert auf Intimität und Rückzugsräume gelegt.

Geschichte

Gegen Ende der 1920er-Jahre hatte sich im Zuge der Weltwirtschaftskrise die wirtschaftliche Lage deutlich verschlechtert. Im Jahr 1928 wurde das Programm des Siedlungsbaus aus den Einnahmen durch die Hauszinssteuer gekürzt. Das hieß für Berlin, dass für ca. 2000 erwartete neue Wohnungen keine Mittel vorhanden waren. Angesichts der drückenden Wohnungsnot erließ die Stadt Berlin in dieser Situation das „Zusatzprogramm 1929“, mit dem sie 15 Millionen Reichsmark für den Siedlungsbau zur Verfügung stellte – ein Topf, aus dem auch der Bau der Weißen Stadt finanziert wurde. Vor diesem Hintergrund legte man viel Wert auf möglichst rationelle Grundrisse und eine kostendämpfende Serien-Bauweise. Unter der Regie des Berliner Stadtbaurats Martin Wagner waren gleich vier Planer an der Gestaltung des aus 1.268 Wohneinheiten bestehenden Ensembles beteiligt. Den städtebaulichen Gesamtplan entwarf der Schweizer Architekt Otto Rudolf Salvisberg, der auch das im Zentrum der Anlage liegende Brückenhaus plante. Weitere Bauabschnitte stammen von den Architekten Bruno Ahrends und Wilhelm Büning. Die Gestaltung der Grün- und Freiflächen übernahm der bereits in Falkenberg beteiligte Gartenarchitekt Ludwig Lesser. Er entwarf begrünte Wohnhöfe mit an Parkanlagen erinnernden Fuß- und Zuwegen. Eine umfassende Sanierung der Bauten sowie eine denkmalgerechte Wiederherstellung der Freiflächen erfolgte in den 2010er-Jahren.

Lebensgefühl und Soziales

Wie der Name bereits andeutet, verfügte die „Weiße Stadt“ zur Bauzeit über eine für die damalige Zeit ungewöhnlich gute eigene Infrastruktur: 24 Läden, eine Arztpraxis, ein Café, eine Apotheke, zwei Waschküchen und ein Kindergarten sicherten nicht nur eine überdurchschnittlich komfortable Nahversorgung für die Bewohnerschaft, sondern setzten auch zusätzliche gestalterische Akzente. Der in dem leicht dreieckigen Wohnhof errichtete Kindergarten ist bis heute erhalten. Der von Salvisberg ursprünglich vorgesehene Bau eines Schulgebäudes nordöstlich der Aroser Allee wurde hingegen nicht realisiert. Hier befindet sich stattdessen ein Sportplatz. Bemerkenswert war auch, dass man damals ein zentrales Fernheizkraftwerk errichtete, da dies deutlich wirtschaftlicher war als individuelle Ofenheizungen. Das Fernheizkraftwerk und angeschlossene Wäscherei bereits 1968 entfernt, bevor die Siedlung unter Denkmalschutz gestellt wurde. Im April 2012 nahm die Deutsche Wohnen SE als heutige Eigentümerin an fast demselben Standort ein ökologisch vorteilhaftes Blockheizkraftwerk in Betrieb, das zu den größten der deutschen Wohnungswirtschaft gehört.

Text: Ben Buschfeld (BB)

Mehr Wissen

Quizfragen

  • Wie sollte das Areal ursprünglich heißen?
  • Warum kam es zur Umbennung?
  • Welchen Ort kann man als die "große Schwester" bezeichnen?
  • Wie ist das Brückenhaus konstruiert?
  • Wo verstecken sich überall farbige Details?
  • Wie viele Läden gab es früher?
  • Wo befand sich die Großwäscherei?
  • Welche Art des Übergangs gestaltete Wilhelm Büning?
  • Was ist das Besondere am Romanshorner Weg?

Links und Literatur (Auswahl)


  • Norbert Huse / Annemarie Jaeggi (Hrsg.): Vier Siedlungen der Weimarer Republik: Britz, Onkel Toms Hütte, Siemensstadt, Weiße Stadt, Berlin 1987 (D/E)
  • Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Siedlungen der Berliner Moderne, Eintragung in die Welterbeliste der UNESCO, Berlin 2009 (D/E)
  • Jörg Haspel / Annemarie Jaeggi (Hrsg.), Markus Jager (Autor): Siedlungen der Berliner Moderne, Berlin 2007 (D/E)
  • Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.), Sigrid Hoff (Autorin): Berlin Weltkulturerbe. Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Bd. 37, Berlin 2011 (D/E)
  • Stadtwandel Verlag (Hrsg.), Thomas M. Krüger (Autor): Welterbesiedlung Weiße Stadt Berlin, Die neuen Architekturführer Nr. 179, Berlin 2012 (D+E)
  • Jens Bisky: Berlin. Biographie einer großen Stadt. Berlin 2019
  • Harald Bodenschatz, Klaus Brake (Hrsg.): 100 Jahre Groß-Berlin, Bd. 1 – Wohnungsfrage und Stadtentwicklung, Berlin 2017
  • Michael Bienert / Elke Linda Buchholz: Die Zwanziger Jahre in Berlin. Ein Wegweiser durch die Stadt, Berlin 2015
  • Ben Buschfeld: Bruno Tauts Hufeisensiedlung – und das UNESCO-Welterbe "Siedlungen der Berliner Moderne", Berlin 2015 (D/E)