Hufeisensiedlung Britz (1925–30)

Die Schaustelle in Neukölln

Die auch unter dem Namen Großsiedlung Britz bekannte Hufeisensiedlung ist die größte und bekannteste der sechs Berliner Welterbesiedlungen. Schon zur Bauzeit wurde die 350 Meter lange, in Form eines riesigen Hufeisens gebogene Zeile zum Wahrzeichen eines sozialen und gesunden Wohnungsbaus. Die in sechs Bauabschnitten errichtete Anlage mit fast 2.000 Wohneinheiten markiert den Übergang von der Gartenstadt-Idee zum modernen Zeilenbau. Die Reihenhaus-Bestände befinden sich heute fast komplett in Privateigentum, was zu einer ganzen Reihe von Projekten aus der Bewohnerschaft geführt hat.

Berlin-Karte-Hufeisensiedlung

Fakten

  • Bezirk: Neukölln, Ortsteil Britz
  • Nahverkehr: U-Bhf. Blaschkoallee · Parchimer Allee
  • Gesamtfläche: 37/29 Hektar
  • Anzahl Wohnungen: insgesamt 1964,
    davon 679 Einfamilienhäuser
    und 1285 Etagenwohnungen
  • Wohnungsgrößen: 1,5 bis 5 Zimmer
  • Bauzeit: 1925 – 1931
  • Gesamtleitung: Bruno Taut
  • Städtebaulicher Entwurf: Bruno Taut + Martin Wagner
  • Architekten: Bruno Taut + Martin Wagner (bis 1926)
  • Gartenarchitekten: Leberecht Migge, Ottokar Wagler
  • Bauherr/in: GEHAG Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und Bau AG (Hufeisensiedlung) + Degewo (Krugpfuhlsiedlung)
  • Eigentümer/in: Etagenwohnungen: Deutsche Wohnen SE + Reihenhäuser: Einzeleigentum
  • Einwohner: ca. 7000
  • Denkmaltyp:
    Ensemble-Denkmal Nr. 09060056 +
    Garten-Denkmal Nr. 090285009

Botschaft

Viele Zeitungen und Meinungsmacher in den Medien berichteten über die Baustelle, ausländische Delegationen, Künstler und Linke feierten sie, viele Konservative hingegen reagierten verstört bis ablehnend. Hier, im geographischen Zentrum des Arbeiterbezirks Neukölln sollte etwas Neues und Großes entstehen. Das "Hufeisen" wurde zum Gegenbild der lichtlosen und stickigen Enge der Mietskasernen. Es ist ein Symbol des Aufbruchs und illustriert das neue Ideal der Planer, die für Menschen mit geringerem Einkommen gesunden und lebenswerten Wohnraum schaffen wollten. Der zentrale Bauteil soll als Palast der Arbeiter in die Geschichte eingehen: Im Osten geht die Sonne auf und fällt dann mitten ins Hufeisen. Die breite Freitreppe führt zu Teich und Grünfläche. Die Inszenierung des Mottos Licht, Luft und Sonne ist hier fast theatralisch in Szene gesetzt. Der Blick auf die umliegenden Wohneinheiten spiegelt sich in der Wasserfläche und bietet ein umgekehrtes Farbschema. Passend zu blauem Himmel mit weißen Wolken, wählte man eine weiße Fassade, die von himmelblau gestrichenen balkonartigen Loggien, durchsetzt ist: Wer bei schönem Wetter die Augen etwas zukneift, hat so das Gefühl, quasi durch das Gebäude hindurchschauen zu können.

Design

Die farbenfroh und abwechslungsreich gestalte Siedlung umfasst knapp 2.000 Wohneinheiten. Davon sind rund ein Drittel Reihenhäuser mit Garten, der Rest besteht aus Wohnungen mit Blick ins Grüne. Damit war sie Mitte der 1920er-Jahre die größte Baustelle des öffentlichen Wohnungsbaus. Die im Stil der Klassischen Moderne und des Neuen Bauens gestalteten, durchgängig dreieinhalb Geschosse hohen Wohnblocks verlaufen parallel zu den größeren Straßen. Dahinter befinden sich – optisch und akustisch geschützt – verschiedene Typen von zwei- und dreigeschossigen, variantenreichen Reihenhäusern mit Garten. In den ruhigen Seitenstraßen des Hufeisens gibt es viele architektonische Details zu entdecken. Damit konnten die Planer um Bruno Taut beweisen, dass eine serielle Bauweise nicht automatisch zu optischer Langeweile führen muss. Um Bau- und Planungskosten möglichst gering zu halten, sind zwar viele Bauteile, wie Türen, Fenster und Treppen sowie wesentliche Grundrisse, normiert, gleichzeitig gibt es aber Farb- und Formvarianten, um möglichst individuelle Wohnsituationen zu schaffen. Am auffälligsten ist das bei den Hauseingängen. Hier existiert etwa ein und derselbe Konstruktionstyp einer Tür stets in drei bis acht Farbvarianten.

Geschichte

Die Hufeisensiedlung ist Teil der Großsiedlung Britz, zu der auch die zeitgleich und in direkter Konkurrenz errichtete Siedlung am Krugpfuhl gehört. Wer das verstehen will, muss einen Blick in die Geschichte Berlins werfen. Anders als viele andere Metropolen hatte Berlin einen entscheidenden Vorteil: Durch den Anschluss mehrerer umliegender Stadt- und Landgemeinden verfügte das erst 1920 neu entstandene Groß-Berlin über große Flächenreserven. Diese nutzte es für den Bau neuer zwei- bis dreigeschossiger Siedlungen in aufgelockerter Bauweise mit vielen Grün- und Freiflächen. Im Jahr 1924 kaufte die Stadt große Teile des ehemaligen Ritterguts Britz. Aus politischen Gründen wurde das überwiegend aus Wiesen und Ackerflächen bestehende Areal jedoch zwischen zwei konkurrierenden Wohnungsbau-Gesellschaften aufgeteilt: Während ab 1925 östlich der Fritz-Reuter-Allee im Auftrag der eher konservativen Baugesellschaft DEGEWO Fassaden in dem traditionellen, um 1900 herum populären "Heimatstil" entstanden, entwickelte Bruno Taut zur gleichen Zeit für die von den linken Parteien unterstützte Baugesellschaft GEHAG auf der westlichen Seite eine moderne, sich davon sichtbar abgrenzende Architektur. Die ersten sechs Bauabschnitte der Hufeisensiedlung wurden 1986 als Ensemble unter Denkmalschutz gestellt. 2008 folgte der Eintrag als UNESCO-Welterbe, 2010 die zusätzliche Eintragung als Gartendenkmal. Anders als die Hufeisensiedlung steht die Siedlung am Krugpfuhl nicht unter Denkmalschutz, ist jedoch Teil der das Hufeisen umgebenden Welterbe-Pufferzone.

Lebensgefühl und Soziales

Das in den deutschen Medien immer wieder dramatisch als Problembezirk beschriebene Neukölln ist einer der größten Berliner Bezirke. Er zählt weit über 300.000 Einwohner und umfasst damit auch sehr unterschiedliche Wohnquartiere. Während junge Menschen die vielen Cafés, Kneipen und hippen Boutiquen schätzen, fürchtet man sich in der bundesdeutschen Provinz vor den scheinbar permanent tobenden Revierkämpfen krimineller arabischer Clans. Beides gibt es im nördlichen Neukölln tatsächlich, aber in dem etwas außerhalb des S-Bahn-Rings gelegenen Britz wirkt das sehr weit weg. Die ziemlich genau in der Mitte des Bezirks liegende Hufeisensiedlung ist das, was Immobilien-Makler heute gerne als "Micro-Lage" bezeichnen. Man kennt sich, döst im Liegestuhl im eigenen Garten und ist trotzdem in 20-30 Minuten am Alexanderplatz oder in den quirligeren Gegenden der Szene-Bezirke Neukölln und Kreuzberg. Die Hufeisensiedlung war schon immer ein beliebter Wohnort bei Künstlern und Polit-Aktivisten. Zu den bekannteren zählten etwa der Publizist und Anarchist Erich Mühsam oder Heinrich Vogeler, der wohl wichtigste Gestalter des deutschen "Jugendstils". Damals wie heute gibt es aber gleichzeitig auch viele Menschen, die zwar stadtnah wohnen, dabei jedoch auch schlicht ihre Ruhe haben wollen. Die Fußwege zwischen den langgestreckten Gärten bieten Platz für Kinder zum Spielen. Auch Schulen, Hortplätze und Einkaufsmöglichkeiten sind im näheren Umfeld vorhanden. Die U-Bahn Linie 7, zwei Buslinien und die einige Hundert Meter verlaufende Stadtautobahn sorgen für gute Anbindung an die Stadt.

Hier in Britz wollte man beweisen, dass am Gemeinwohl orientierte Gesellschaften einen hochwertigen Wohnungsbau errichten können. Die GEHAG und die Finanzierung des öffentlichen Wohnungsbaus aus den Erlösen der Hauszinssteuer wurde zum Gegenmodell der profitorientierten Unternehmen der Privatwirtschaft, welche die hoch verdichteten Unterkünfte in den Hinterhöfen der Mietskasernen gebaut hatten. Trotz ernsthafter Versuche, die Baukosten möglichst niedrig zu halten, wurde das ursprüngliche Ziel nicht erreicht: Einfache Arbeiter konnten sich die neuen Wohnungen nur in Ausnahmefällen leisten. Die ersten Mieter waren überwiegend Selbstständige, kleine Kaufleute, Facharbeiter und städtische Angestellte. Dennoch gelten das damals erreichte Preis-Qualitäts-Verhältnis und die ihm zugrundeliegenden sozialpolitischen Konzepte bis heute als vorbildlich. Ende der 1990er-Jahre folgte dann eine Kehrtwende: Die Stadt Berlin war pleite und suchte nach Einnahmequellen. Der Verkauf der mittlerweile städtischen Wohnungsbaugesellschaft GEHAG 1998 und der rasch danach einsetzende mehrfache Weiterverkauf von deren Immobilienbeständen an der Börse setze ab Ende der 1990er Jahre einen Generationswechsel in Gang: Lebten früher viele ältere Leute vor Ort, die bereits im Viertel groß geworden waren und ihre Wohnung von den Eltern übernommen hatten, zieht die Gegend heute gut ausgebildete, zum Teil besser verdienende junge Familien an. Auch sie schätzen das beschauliche, aber stadtnahe Wohnen mit Garten. Ziehen Mieter altersbedingt aus, gehen frei gewordene Reihenhäuser in Einzeleigentum über. Der Erhalt des Welterbes liegt damit in der Hand mehrerer Hundert Privateigentümer. Diese sowohl sozial als auch denkmalpflegerisch nicht einfache Situation führte zu mehreren (hier zum Teil unter Stories beschriebenen) Modellprojekten aus der Bewohnerschaft.

Text: Ben Buschfeld (BB)

Mehr Wissen

Quizfragen

  • Warum spricht man auch von der Großsiedlung Britz?
  • Wer baute östlich und westlich der Fritz-Reuter-Allee?
  • Wer plante die Bauten in der Stavenhagner Straße?
  • Wie viel Meter ist das Hufeisen lang?
  • Wann entstand der Teich in der Mitte des Hufeisen?
  • Worüber ärgerte sich der Gartenarchitekt Leberecht Migge?
  • Wer oder was war Onkel-Bräsig?
  • Welcher Artikel ist korrekt: der, die oder das Hüsung?
  • Wo befinden sich die Bauabschnitte 3, 4 und 5?
  • Wie ändern sich die Reihenhäuser südlich der Parchimer Allee?
  • Was passierte mit der Wohnungsbaugesellschaft in der NS-Zeit?
  • Wer baute die Erweiterungen aus den 1950er Jahren?
  • Welche Entscheidung traf der Berliner Senat 1998?
  • Was meinte die Redewendung seine Wohnung zu "tauten"?
  • Wann hat die Infostation in der Hufeisensiedlung geöffnet?

Links und Literatur (Auswahl)


  • Ben Buschfeld: Bruno Tauts Hufeisensiedlung – und das UNESCO-Welterbe "Siedlungen der Berliner Moderne", Berlin 2015 (D/E)
  • Norbert Huse / Annemarie Jaeggi (Hrsg.): Vier Siedlungen der Weimarer Republik: Britz, Onkel Toms Hütte, Siemensstadt, Weiße Stadt, Berlin 1987
  • Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Siedlungen der Berliner Moderne, Eintragung in die Welterbeliste der UNESCO, Berlin 2009 (D/E)
  • Jörg Haspel / Annemarie Jaeggi (Hrsg.), Markus Jager (Autor): Siedlungen der Berliner Moderne, Berlin 2007 (D/E)
  • Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.), Sigrid Hoff (Autorin): Berlin Weltkulturerbe. Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Bd. 37, Berlin 2011 (D/E)
  • Deutscher Werkbund (Hrsg.), Winfried Brenne (Autor): Bruno Taut – Meister des farbigen Bauens in Berlin, Berlin 2008
  • Kurt Junghanns: Bruno Taut 1880-1938. Architektur und sozialer Gedanke, Leipzig 1998
  • Udo Gößwald / Barbara Hoffmann (Hrsg.): Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung vor und nach 1933, Berlin 2013
  • Wolfgang Schäche (Hrsg.): 75 Jahre GEHAG 1924–1999, Berlin 1999
  • Jens Bisky: Berlin. Biographie einer großen Stadt. Berlin 2019
  • Harald Bodenschatz, Klaus Brake (Hrsg.): 100 Jahre Groß-Berlin, Bd. 1 – Wohnungsfrage und Stadtentwicklung, Berlin 2017
  • Michael Bienert / Elke Linda Buchholz: Die Zwanziger Jahre in Berlin. Ein Wegweiser durch die Stadt, Berlin 2015
  • Stadtwandel Verlag (Hrsg.), Christiane Borgelt (Autorin): Welterbe Hufeisensiedlung Berlin-Britz, Die neuen Architekturführer Nr. 172, Berlin 2011 (D+E)
  • Katrin Lesser: Hufeisensiedlung Britz, Gartendenkmalpflegerisches Gutachten, Archivrecherche, Bestandsaufnahme und Konzeptentwicklung, 5 Bde. 2003 + 2009/2010
  • Weitere Literatur, Artikel und Gutachten siehe: www.tautes-heim.de/bibliothek