Ringsiedlung Siemensstadt (1929–34)

Die Zukunftsweisende im Nordwesten

Von dem städtebaulichen Entwurf Hans Scharouns ausgehend, waren bei der Gestaltung der Siemensstadt gleich mehrere herausragende Vertreter des Neuen Bauens beteiligt. Die meisten von ihnen waren Mitglieder der Architektenvereinigung „Der Ring“, weshalb sich schnell der Beiname „Ringsiedlung“ etablierte. Von allen Welterbesiedlungen weicht die – teilweise zu Spandau, teilweise zu Charlottenburg-Nord – gehördende Siemensstadt am deutlichsten von dem Schema der Blockrandbebauung ab.

Berlin-Karte-Siemensstadt

Fakten

  • Bezirke: Charlottenburg-Wilmersdorf + Spandau, Ortsteil Siemensstadt
  • Nahverkehr: U-Bhf. Siemensdamm
  • Gesamtfläche: 19,3 Hektar
  • Anzahl Wohnungen: 1370
  • Wohnungsgrößen: 1,5 bis 3,5 Zimmer (davon 90% bis 2,5 Zimmer)
  • Bauzeit: 1929 – 1934
  • Gesamtleitung: Martin Wagner
  • Städtebaulicher Entwurf: Hans Scharoun
  • Architekten: Hans Scharoun, Walter Gropius, Otto Bartning, Fred Forbat, Hugo Häring, Paul Rudolf Henning
  • Gartenarchitekt: Leberecht Migge
  • Bauherr/in: Gemeinnützige Heimstättengesellschaft Primus mbH der Stadt Berlin
  • Eigentümer/in: Deutsche Wohnen SE
  • Einwohner/innen: 2800
  • Denkmaltyp: Ensemble-Denkmal, vgl. Nr. 09040492

Botschaft

Die beauftragten Architekten beschlossen, die zu den Bezirken Spandau und Charlottenburg-Nord zählende Siedlung in Form von mehrgeschossigen Wohnblöcken zu errichten. Diese sollten möglichst in parallelen Zeilen angeordnet sein und lediglich so tief sein, dass alle dort untergebrachten Wohnungen Fenster zu zwei gegenüberliegenden Seiten haben konnten. Diese Bauweise war 1928 noch wenig erprobt, galt aber als besonders zukunftweisend und vorteilhaft. Einer der Pluspunkte liegt in der optimalen Nutzung des Sonnenlichts: Verlaufen die Zeilen in Nord-Süd-Richtung, so werden die Schlafräume morgens von Osten und die Wohnräume abends von Westen her besonnt. Die langen Wohnblöcke sollten außerdem senkrecht zur Straße liegen und nur über schmale Fußwege erreichbar sein. So verursachten die Zugänge zu den Wohnungen geringere Baukosten und verbrauchten weniger Fläche. Diese Anordnung kam auch einem weiteren Ziel entgegen, das man sich gesetzt hatte: Es sollte möglichst viel von der ursprünglichen Landschaft erhalten bleiben. Bei dem Planungsgebiet für die Siemensstadt handelte es sich im Wesentlichen um ein Wiesengebiet, das auch waldiges Gelände mit altem Baumbestand enthielt. Der Auftrag war, diesen Charakter so weit wie möglich zu erhalten. Auf die in früheren Siedlungen noch geplanten Mietergärten wurde daher bewusst verzichtet.

Design

Der erste Bauabschnitt der Siedlung wurde aus einem neu aufgelegtem städtischen Sonderbauprogramm finanziert. Die Vorgaben für Bauprojekte, die mit Mitteln aus der Hauszinssteuer errichtet wurden, waren damit vorerst obsolet. Als Berliner Stadtbaurat übernahm Martin Wagner die Gesamtleitung des Projekts. Es sollten völlig neue Wohnungsgrundrisse und Hauskonzepte entwickelt werden, was der Siemensstadt fast den Charakter einer Bauausstellung verlieh. Zu einer richtigen Bauausstellung hätte es allerdings gehört, dass auch neue Bautechniken erprobt und vorgeführt worden wären. Hiervon nahm man jedoch Abstand, um nicht unvorhersehbare Baukosten zu riskieren.
Für die Umsetzung lud Wagner einige der damals progressivsten Planer ein. Sie waren fast alle Mitglieder der Architektenvereinigung "Der Ring", was zu dem bis heute gebräuchlichen Beinamen "Ringsiedlung" führte, oft als Hinweis auf eine kreisförmige Anordnung missverstanden wird. Jeder der sechs beteiligten Hochbauarchitekten legte einen Plan für die gesamte Siedlung vor. In der Diskussion verständigten sie sich darauf, den Entwurf Hans Scharouns zu Grunde zu legen. Martin Wagner stellte ihnen den Gartenarchitekten Leberecht Migge zur Seite, der sich bereits mit seiner Arbeit in anderen Siedlungen einen Namen gemacht hatte. Die im "Ring" organisierten Architekten wollten zwar Abwechslung im Detail, waren sich jedoch einig in der Ablehnung von Ornamenten. Einfachheit, Klarheit und Ehrlichkeit wurden zum Prinzip erhoben. Bewusst wollte man sich von der Architektur des Kaiserreichs absetzen. Sie galt als verlogen, weil zu sehr auf vordergründigen Schein und unnötige Dekoration abhebend. Mit einer neuen, stärker am Funktionalismus orientierten Formensprache wollten die Architekten des "Rings" zugleich den Weg zu mehr Demokratie ebnen, in der es nicht darum ging, prächtige Palast- und Herrschaftsarchitektur zu imitieren. Dies sollte auch einem veränderten Selbstbewusstsein der einfachen Bevölkerung Ausdruck verleihen. Entsprechend waren die Wohnungen der Siemensstadt vor allem für weniger wohlhabende Teile der Bevölkerung geplant. Obwohl sich alle Planer auf gemeinsame Grundprinzipien verständigt hatten, lassen sich bei einem Rundgang durch die Siedlung die individuellen Handschriften der Beteiligten – Walter Gropius, Hans Scharoun, Hugo Häring, Otto Bartning, Fred Forbat und Paul Rudolf Henning – herauslesen.

Geschichte

Anders als der Name und die räumliche Nähe vermuten lassen, ist die Siedlung Siemensstadt nicht im engeren Sinne als Werkssiedlung für die Arbeiterschaft der Firma Siemens entstanden. Trotzdem ist der Name kein Zufall, sondern Ausdruck der veränderten Vorgaben. Im Jahr 1928 wurde das Programm des Siedlungsbaus aus den Einnahmen durch die Hauszinssteuer gekürzt. Das hieß für Berlin, dass für ca. 2.000 erwartete neue Wohnungen keine Mittel vorhanden waren. Angesichts der drückenden Wohnungsnot erließ die Stadt Berlin in dieser Situation das „Zusatzprogramm 1929“, mit dem sie 15 Millionen Reichsmark für den Siedlungsbau zur Verfügung stellte. Um diese Mittel möglichst effektiv und im Sinne des Gemeinwohls einzusetzen, gab es eine Reihe von Vorgaben: Das Grundstück sollte bereits Eigentum der Stadt sein und möglichst in der Nähe eines bereits verkehrstechnisch erschlossenen Industriegebiets liegen, so dass neu entstehende Wohnungen auch für die dort arbeitende Bevölkerung geeignet waren und nur geringe Erschließungskosten anfielen. Die Bauherrin sollte eine gemeinnützige städtische Wohnungsbaugesellschaft sein und pro Wohnung durften nur 7.211 Reichsmark ausgegeben werden. „Auf ein Mindestmaß von Wohnfläche die größtmögliche Bettenzahl“ zu bringen, „ohne hygienische, soziale oder sittliche Anforderungen zu gefährden“ war Teil der Aufgabenbeschreibung. Vorgesehen waren speziell Kleinstwohnungen, davon 30 % mit 46 qm, 50% mit 54 qm, 10% mit 62 qm und weitere 10% mit 72 qm. Die in der Siemensstadt erfolgreich erprobten Konzepte mit zumeist in Zeilen organisierten Geschossbauten wurden später zu einem wichtigen Vorbild des Wohnungsbaus der Nachkriegsjahre. In der unmittelbaren Nachbarschaft entstand von 1956 bis 1961 die Siedlung Charlottenburg-Nord. Sie brachte zusätzlichen Wohnraum für 12.000 Menschen in 4.000 Wohnungen und wurde von Hans Scharoun und Otto Bartning geplant, die bereits beim Bau der Siemensstadt mitgewirkt hatten.

Lebensgefühl und Soziales

Städtebauliche Planungen bilden immer auch den Rahmen des Zusammenlebens und sollten idealerweise ein Gefühl der Verbundenheit erzeugen. Hierzu hatte Hans Scharoun – der spätere Verfasser des Gesamtplans der Siedlung – bereits 1927 seine Ziele folgendermaßen formuliert: “Nachbarschaft ist eine geistige Energie (…) Sie ist ein Raum, den ein Fußgänger in etwa einer Viertelstunde durchquert, ein Raum, der der Erlebnisfreudigkeit des Kindes entspricht, groß genug, um Abenteuer darin anzusiedeln, klein genug, um das Gefühl der Heimat aufkommen zu lassen.” Anders als noch in den recht dörflichen Strukturen der Gartenstadt Falkenberg und teilweise auch der Hufeisensiedlung, verzichtete man in der Siemensstadt auf die Anlage von Mieter- und Hausgärten. Damit war der für die Gartenstadt-Bewegung einst zentrale Gedanke der Selbstversorgung hinfällig. Gleichzeitig legte diese Anpassung den Fokus der Planer auf die öffentlichen Freiflächen sowie zusätzliche Bauten und Einrichtungen. Die großen Flächen zwischen den Mietshäusern sollten gemeinsam genutzt werden. Das sparte nicht nur Bau- und Grundstückskosten, sondern half auch, den Charakter des Wiesengeländes zu bewahren, welches ursprünglich zum erweiterten Gebiet der Jungfernheide und dem sich im Nordosten anschließenden Volkspark Jungfernheide gehörte. Er wurde bereits 1920–26 nach Plänen des Charlottenburger Gartendirektors Erwin Barth angelegt und sollte einen Beitrag zur Erholung der Bewohnerinnen und Bewohner der nah gelegenen Wohngebiete leisten. Neben weitläufigen Wiesen, Sportplätzen und waldartigen Bestandteilen gab es dort ein Freilufttheater, ein Freibad sowie einen Wasserturm, in dem heute ein kleines Café betrieben wird. Das alles fügte sich bestens mit dem Bau der Siedlung und dem Motto Licht, Luft und Sonne, das zu einer Art Leitbild des reformorientierten Berliner Wohnungsbaus der frühen 1920er-Jahre geworden war, sich nun aber auch mit Sparzwängen konfrontiert sah, in der individuelle Gärten im Massenwohnungsbau nicht mehr zeitgemäß sein konnten.

Gemeinschaftliche Nutzungen spielten bei den Planungen eine große Rolle. Die Grünzüge innerhalb der Siedlung sollten zwar nicht allgemein öffentlich zur Verfügung stehen, sie sollten aber auch nicht in abgezäunte Mietergärten aufgeteilt werden. Auch der Aspekt der Hygiene war den Planern wichtig. Er verschmolz mit dem Aspekt des Sozialen und zeigt, welche gesellschaftspolitische Dimension dem Städtebau innewohnt. Obwohl die meisten Wohnblöcke über eigene Waschküchen verfügten, wurde eine gemeinsame Siedlungswäscherei mit den modernsten Maschinen eingerichtet. Sie lag beim Heizwerk und war so von den östlichen und westlichen Teilen der Siedlung gleich weit entfernt. Hier gab es Spielmöglichkeiten für Kinder, was dazu beitrug, dass die Siedlungswäscherei von den – sich hautsächlich alleine um die Kinder kümmernden – Müttern gut angenommen werden konnte. Indem Hausarbeit aus der privaten Wohnung herausgenommen wird, sollte mit der Wäscherei auch die Rolle der Frau verändert werden. Dies führte aber auch zu mehr nachbarschaftlichem Austausch und Begegnung. Bei seinen Bauten entlang des Jungfernheidewegs plante Walter Gropius gemeinschaftlich nutzbare Dachterrassen. Die Schule, eine neuartige Pavillonschule, wurde erst im 2. Bauabschnitt ab 1929 nach einem Entwurf von Regierungsbaumeister Helmcke ausgeführt. Sie hat sechs, an einem langen Flur abwechselnd zu beiden Seiten hin angeordnete Klassenräume. Bei gutem Wetter sollte der Unterricht im Freien stattfinden.

Text: Reinhard von Bernus (RvB)

Rundgang und Orte

Mehr Wissen

Quizfragen

  • Zu welchem Bezirk gehört die Siemensstadt?
  • Warum spricht man auch von der "Ringsiedlung"?
  • Welcher der Architekten wohnte auch in der Siedlung?
  • Welche Aufgaben bekam Otto Bartning?
  • Wie kam es zu der Form der Balkone bei Hugo Häring?
  • Was warf man Walter Gropius vor?
  • Wo befindet sich die "Infostation Siemensstadt"?
  • Welche Art von Grünanlage befindet sich in der Nähe?

Links und Literatur (Auswahl)


  • Norbert Huse / Annemarie Jaeggi (Hrsg.): Vier Siedlungen der Weimarer Republik: Britz, Onkel Toms Hütte, Siemensstadt, Weiße Stadt, Berlin 1987
  • Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Siedlungen der Berliner Moderne. Eintragung in die Welterbeliste der UNESCO, Berlin 2009 (D/E)
  • Jörg Haspel / Annemarie Jaeggi (Hrsg.), Markus Jager (Autor): Siedlungen der Berliner Moderne, Berlin 2007 (D/E)
  • Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.), Sigrid Hoff (Autorin): Berlin Weltkulturerbe. Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Bd. 37, Berlin 2011 (D/E)
  • Harald Bodenschatz, Klaus Brake (Hrsg.): 100 Jahre Groß-Berlin, Bd. 1 – Wohnungsfrage und Stadtentwicklung, Berlin 2017
  • Stadtwandel Verlag (Hrsg.), Thomas M. Krüger (Autor): Welterbe Ringsiedlung Siemensstadt Berlin, Die neuen Architekturführer Nr. 170, Berlin 2011 (D+E)
  • Wolfgang Ribbe / Wolfgang Schäche: Die Siemensstadt: Geschichte und Architektur eines Industriestandortes, Berlin 1985
  • Christine Hoh-Slodczyk / Norbert Huse / Günther Kühne / Andreas Tönnesmann: Hans Scharoun – Architekt in Deutschland, 1893 – 1972, München 1992
  • Johann Fr. Geist / Klaus Kürvers / Dieter Rausch: Hans Scharoun, Chronik zu Leben und Werk, Berlin 1993
  • Sabine Kremer: Hugo Häring (1882-1958). Wohnungsbau Theorie und Praxis – 1984
  • Winfried Nerdinger: Walter Gropius München, 1985
  • Hans K. F. Mayer: Der Baumeister Otto Bartning und die Wiederentdeckung des Raums Heidelberg 1951
  • Julius Posener: Otto Bartning: Zum hundertsten Geburtstag des Baumeisters am 12. April 1983 Berlin: Akademie der Künste 1983
  • Bärnreuther, Andrea: Paul Rudolf Henning - der Verlust der Utopie in der modernen Architektur Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz Berlin, 1991