Gartenstadt Falkenberg (1913–16)

Die Bodenständige in Grünau

Die bereits vor dem Ersten Weltkrieg entstandene Gartenstadt Falkenberg ist von allen sechs Siedlungen am stärksten durch das utopische und ganzheitliche Denken der Reformbewegung beeinflusst. Sie wurde als Gegenmodell zu der von Hektik und Anonymität der industriell geprägten Großstadt entworfen. Hier sollten die Utopien einer kulturell offenen und sozial-politisch gleichberechtigten Gemeinschaft umgesetzt werden. Das spiegelte sich nicht nur in expressiv farbigen Gebäuden und sorgfältig gestalteten Grünanlagen, sondern auch im Gemeinschaftsleben wider.

Fakten

  • Bezirk: 12524 Treptow-Köpenick, Ortsteil Bohnsdorf
  • Nahverkehr: S-Bhf. Grünau
  • Gesamtfläche: 4,4 Hektar
  • Anzahl Wohnungen: insgesamt 128,
    davon 80 Einfamilienhäuser (meist in Reihe oder als Doppelhaus)
    und 48 Etagenwohnungen in sechs Mietshäusern
  • Wohnungsgrößen: 1 bis 5 Zimmer
  • Bauzeit: 1913–16
  • Städteb. Entwurf: Bruno Taut
  • Architekten: Bruno Taut und Heinrich Tessenow (Einzelwohnhaus)
  • Gartenarchitekt: Ludwig Lesser
  • Bauherr/in: Gemeinnützige Baugenossenschaft Gartenvorstadt Groß-Berlin GmbH
  • Eigentümer/in: Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892eG
  • Einwohner: ca. 740
  • Denkmaltyp: Ensemble-Denkmal und Garten-Denkmal

Design

Im Bebauungsplan für Falkenberg waren ursprünglich 1.500 Wohnungen in verschiedenen Reihen- und Einzelhaus-Varianten geplant. Durch die Vorgabe einzelner Haustypen wollte man die Planungs- und Baukosten gering halten. Viele Grundrisse und Maße ließen sich mehrfach verwenden. Verantwortlich für die Planungen der Gebäude war vor allem der damals erst am Beginn seiner Karriere stehende Architekt Bruno Taut. Warum er als Meister des farbigen Bauens gilt, lässt sich in der Gartenstadt Falkenberg gut nachvollziehen. Statt – wie damals üblich – teuren Stuck, Ornamente und Bauskulpturen zu verwenden, gestaltete er die Fassaden kostengünstig mit intensiven Farben. Unterschiedliche Haustypen wurden jeweils durch Details in Farbgebung, Fassade, Bauform und Bepflanzung zu optischen Paaren oder kleineren Gruppen zusammengefasst. Dies verlieh der Anlage ihr charakteristisches Erscheinungsbild und führte rasch zu ihrem Beinamen „Tuschkasten-Siedlung“. Auch wenn an vielen Orten Europas vergleichbare Gartenstädte entstanden, so ist Falkenberg mit seiner kreativen, aber nicht willkürlichen Vielfalt der Farben und Formen doch einzigartig.
Aber nicht nur den Gebäuden, sondern auch den Grünflächen wurde besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Falkenberg war die erste Siedlung, für die eigens ein Gartenarchitekt beauftragt wurde. Die Wahl fiel auf Ludwig Lesser, der sich bereits mit seinem sozialen Engagement, der publikumsnahen Vermittlung von Themen der Gartengestaltung und großflächigen Planungen im Berliner Umland einen Namen gemacht hatte. Die bis 600 qm großen privaten Gärten befinden sich zum Teil hinter, zum Teil vor den Häusern. Sie dienten als gestalterisches Mittel zur Auflockerung der Siedlungsstruktur und boten die Möglichkeit, Obst und Gemüse anzubauen. Der Einsatz von Kletterpflanzen, Spalierobst, Hecken und Baumreihen setzte weitere Akzente und half bei der räumlichen Gliederung des Areals. Der als Zentrum des ersten Bauabschnitts fungierende Akazienhof wurde mit Bäumen bepflanzt und erhielt so den Charakter eines Dorfplatzes. Der zweite realisierte Abschnitt bestand aus dem westlich gelegenen, zum Falkenberg hin ansteigenden Gartenstadtweg.
Hier schließen sich – heute sowohl am oberen als auch am unteren Ende der Straße – zeitgenössische Neubauten an, die teilweise zum Projekt "Neue Gartenstadt Falkenberg" gehören. Sie sind nicht Teil des eigentlichen Welterbes, jedoch Bestandteil der sogenannten Welterbe-Pufferzone und unterliegen damit strengeren Bauauflagen.

Geschichte

1910 gründeten mehrere Mitglieder der Deutschen Gartenstadt Gesellschaft (DGG) die „Gemeinnützige Baugenossenschaft Groß-Berlin“. Einige der zentralen Gründungsmitglieder waren Adolf Otto, Robert Tautz und die Brüder Paul und Bernhard Kampffmeyer. Die Gleichgesinnten waren Gewerkschaftler, Sozialdemokraten und zentrale Figuren innerhalb der Lebensreform-Bewegung. Sie wollten die abstrakte Idee der Gartenstadt nach Vorstellungen Ebenezer Howards zu einem konkreten Bauvorhaben für Menschen mit einem mittleren oder geringeren Einkommen entwickeln. Zu diesem Zweck gründeten sie zunächst eine Baugenossenschaft, um die Finanzierung des Projektes gemeinschaftlich zu organisieren. Aber erst nach zweijähriger Suche gelang es der Genossenschaft, ein Grundstück zu erwerben – das damals noch außerhalb der Berliner Stadtgrenze liegende Gut Falkenberg bei Grünau. Das Projekt stieß auf großes Interesse. Wer aufgenommen wurde, kaufte sich als Mitglied der Baugenossenschaft ein und trug damit finanziell zum Bau der Anlage bei. Gleichzeitig erwarben die Genossenschaftsmitglieder so Mitbestimmungs- und Wohnrechte. Ein Großteil des Kapitals zum Siedlungsbau wurde zudem durch ein Gesetz zur Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus ermöglicht. Der Staat stellte auf dessen Grundlage ein Drittel der benötigten Mittel als Darlehen. Im Gegenzug mussten Teile des Wohnraums an staatliche Bedienstete vergeben werden. Als Planer wurden Bruno Taut und der Gartenarchitekt Ludwig Lesser gewonnen. Die Planungen waren großräumig angelegt und sollten Wohnraum für rund 7.500 Menschen schaffen. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs stoppten die Bauarbeiten jedoch, so dass insgesamt nur 128 statt der ursprünglich geplanten 1.500 Wohneinheiten errichtet wurden. In den 1960er und 80er-Jahren erfolgten erste Maßnahmen zum Erhalt des Denkmals, in den frühen 1990er-Jahren wurden alle Farben im Außenraum akribisch restauriert und wiederhergestellt.
Anfang der 2000er-Jahre wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, um unter dem Projektnamen "Neue Gartenstadt Falkenberg" im unmittelbaren Umfeld der denkmalgeschützten Anlage ein zeitgenössisches, aber an das Konzept der Gartenstadt angelehntes Versuchsprojekt zu errichten.

Lebensgefühl und Soziales

Bei der Genossenschaft einzutreten und sich für ein Leben in der Gemeinschaft und abseits der Kernstadt zu entscheiden, war ein bewusster Akt. Man kann mutmaßen, dass sich die ersten Bewohner/innen in Falkenberg in der politischen und gesellschaftlichen Grundeinstellung relativ ähnlich waren. Das überrascht kaum, da das ganze Projekt vom Geist der Reformbewegung beseelt war, die ebenfalls eine besondere Bevölkerungsgruppe angesprochen haben dürfte. Nach Angaben einer Broschüre aus den 1950er-Jahren lasen von den ersten 135 Gartenstadt-Bewohner/innen 85 Personen die sozialdemokratisch orientierte Zeitung „Vorwärts“. Es wird dort zudem betont, dass sich die „Falkenberger“ in den Anfängen der Weimarer Republik aktiv bei der Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten und politischen Aktionen, wie der gegen den Kapp-Putsch (1920), einbrachten. Diese Beschreibungen sind allerdings auf Grund ihrer Entstehung in der sozialistisch geprägten DDR mit Vorsicht zu lesen. Viele Bewohnerinnen und Bewohner nutzten ihre Gärten zum Anbau von Obst- und Gemüse und pflegten regen Tauschhandel. In einigen Gärten wurden laut Erzählungen sogar Kleintiere gehalten.

Entsprechend dem Ziel der Genossenschaft, für alle sozialen Schichten offen zu sein, war die Bewohnerschaft deutlich gemischt. Unter den ersten Bewohnern/innen waren Facharbeiter, Eisenbahn- und Justizbeamte, Studienräte, Dichter des Friedrichhagener Kreises sowie eine Witwe mit fünf Kindern. Die Vielfalt der Bewohnerschaft tat dem Zusammenhalt keinen Abbruch. Ganz besonders zeigte sich der Gemeinschaftssinn und die kulturelle Lebendigkeit bei den von 1914 bis ungefähr 1934 regelmäßig stattfindenden Falkenberger Sommerfesten. Sie wurden gemeinsam organisiert und gestaltet. Zu den Festumzügen, Theateraufführungen und anderen Angeboten kamen Feierfreudige aus ganz Berlin. Wer nicht schauspielerte oder sang, der konnte die Kasse führen oder sich anderweitig einbringen. Das brachte die Gemeinschaft ebenso zusammen, wie das traditionelle Blaubeerkuchen-Essen ohne Hände und das Singen des "Falkenbergliedes". Das von dem Siedlungsbewohner Albert Odrich geschriebene Lied entwickelte sich zum festen Bestandteil der Falkenberger Festkultur. Außerdem existierte mit "Der Falkenberg" eine eigene Siedlungszeitschrift.

Text: Dora Busch (DB)

Mehr Wissen

Quizfragen

  • Wer entwickelte das Modell einer Gartenstadt?
  • Wo tagte die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft?
  • Wann wurde Falkenberg Teil Berlins?
  • Welchen Spitznamen bekam die Siedlung?
  • Wer kümmerte sich um die Garten- und Freiflächen?
  • Wer entwarf das Haus von Adolf Otto?
  • Für wie viele Menschen war Falkenberg ursprünglich geplant?
  • Wie wurde der Blaubeerkuchen gegessen?
  • Was ist eine "Mangel"?
  • Wo steht das 3D-Modell der Siedlung?
  • Was verbirgt sich hinter dem Projekt "Neue Gartenstadt"?

Links und Literatur (Auswahl)


  • Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Siedlungen der Berliner Moderne / Eintragung in die Welterbeliste der UNESCO, Berlin 2009 (D/E)
  • Jörg Haspel / Annemarie Jaeggi (Hrsg.), Markus Jager (Autor): Siedlungen der Berliner Moderne, Berlin 2007 (D/E)
  • Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.), Sigrid Hoff (Autorin): Berlin Weltkulturerbe. Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Bd. 37, Berlin 2011 (D/E)
  • Stadtwandel Verlag (Hrsg.), Lars Klaaßen (Autor): Welterbesiedlungen Gartenstadt Falkenberg / Schillerpark-Siedlung Berlin, Die neuen Architekturführer Nr. 166, Berlin 2011
  • Deutscher Werkbund (Hrsg.), Winfried Brenne (Autor): Bruno Taut – Meister des farbigen Bauens in Berlin, Berlin 2008
  • Kurt Junghanns: Bruno Taut 1880-1938. Architektur und sozialer Gedanke, Leipzig 1998
  • Katrin Lesser: Gartenstadt Falkenberg. Gartendenkmalpflegerisches Gutachten, Archivrecherche, Bestandsaufnahme und Konzeptentwicklung, Berlin 2001–2003
  • Jens Bisky: Berlin. Biographie einer großen Stadt. Berlin 2019
  • Harald Bodenschatz, Klaus Brake (Hrsg.): 100 Jahre Groß-Berlin, Bd. 1 – Wohnungsfrage und Stadtentwicklung, Berlin 2017
  • Michael Bienert / Elke Linda Buchholz: Die Zwanziger Jahre in Berlin. Ein Wegweiser durch die Stadt, Berlin 2015
  • Ben Buschfeld: Bruno Tauts Hufeisensiedlung – und das UNESCO-Welterbe "Siedlungen der Berliner Moderne", Berlin 2015 (D/E)