Waldsiedlung Zehlendorf ("Onkel Toms Hütte")

Die Waldsiedlung Zehlendorf ist nicht nur eine der bekanntesten, sondern mit insgesamt 1.915 Wohneinheiten auch eine der größten und gestalterisch abwechslungsreichsten Siedlungen der 1920er-Jahre in Deutschland. Seit Ende Juli 2026 ergänzt sie als siebte Siedlung das bislang sechsteilige Welterbe. Die Waldsiedlung Zehlendorf gilt als eines der Hauptwerke Bruno Tauts, ist aber nicht dessen alleiniges Werk. Das Ensemble liegt am U-Bahnhof "Onkel Toms Hütte", dessen Namensgebung wiederum auf die populäre Bezeichnung eines kleinen nahgelegenen ehemaligen Ausflugslokals zurückgeht. Anders als bisweilen vermutet geht also die häufig verwendete Bezeichnung als "Onkel-Tom-Siedlung" damit höchstens indirekt auf den 1852 veröffentlichten Roman von Harriet Beecher Stowe und dessen fiktive Hauptfigur eines gutmütigen afroamerikanischen Sklaven zurück.

Die weitläufige Anlage wurde 1926–31/32 in sieben Bauabschnitten errichtet. Sie besteht aus 809 Reihenhäusern mit Gärten und 1.106 Wohnungen in größeren Wohnblocks mit drei Vollgeschossen und je einem etwas niedrigeren Dachgeschosses, welches von den Bewohnenden zum Trocknen der Wäsche benutzt wurde. Den Masterplan sowie einen Großteil der insgesamt 1.911 Wohneinheiten entwarf Bruno Taut, der als Chefarchitekten der GEHAG agierte. Neben Taut waren die Architekten Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg, beteiligt, die jeweils eine Parzelle in den Bauabschnitten I und II planten. Die Gärten und Freiflächen wurden Leberecht Migge und Martha Willings-Göre geplant. Die Oberaufsicht lag bei dem seit 1926 amtierenden Stadtbaurat Martin Wagner.

Die Ende der 1970er-Jahre gestartete denkmalfachliche Untersuchung der Waldsiedlung Zehlendorf durch die Architekturwerkstatt Pitz-Brenne war der Startpunkt für eine Reihe von denkmalfachlichen Untersuchungen und ersten fundierten Restaurierungsarbeiten. Entgegen der Erwartung vieler Fachleute, war die sich gut in die natürliche, waldartige Umgebung integrierende Siedlung jedoch dann nicht Teil des Berliner Welterbe-Antrags, wurde aber 2021 vom Land Berlin als siebte Siedlung nachnominiert. Dieser Vorschlag hat dann auch die UNESCO überzeugt: In seiner 48. Sitzung in Busan (Südkorea), entscheidet das Welterbekomitee Ende Juli 2026 offiziell, dass die Waldsiedlung Zehlendorf das bestehende Welterbe als siebte Siedlung ergänzt.*
[* Anmerkung der Herausgeber: Die Ergänzung dieser Website befindet sich derzeit in der Abstimmung und soll idealerweise zeitnah erfolgen.]

Besonders hervorzuheben ist, dass bereits der städtebauliche Entwurf das Thema der Anbindung von Wohnanlagen an den öffentlichen Nahverkehr aufgreift, indem die Funktionen Wohnen und Einkaufen mit dem alltäglichen Weg zur Arbeit verbunden werden. Das zeigt sich daran, dass der Anschluss über Verlängerung der Linie U3 erfolgt und der 1929 in Betrieb genommene Bahnhof "Onkel-Toms-Hütte", ab 1931 auf beiden Seiten durch eine von Otto Rudolf Salvisberg geplante überdachte Ladenpassage gesäumt wird. Die dort untergebrachten Gewerbeeinheiten bieten bis heute eine komfortable Nahversorgung für von der Arbeit heimkehrende Pendler. Das war in dieser Form ein Novum im öffentlichen Wohnungsbau, welches zwar das Konzept ähnlich konzipierter Platzanlagen (etwa am S-Bahnhof der Villen- und Landhauskolonie Frohnau oder dem Vorplatz des S-Bahnhofs Lichterfelde-West) aufnimmt, die Gestaltung der Ladenlokale aber noch stärker in die Formensprache der Moderne integriert.

Weitere Argumente für die (von der Obersten Denkmalbehörde Berlin und dem Landesdenkmalamt Berlin federführend begleitete) Integration ins bestehende Welterbe waren, die sensible planerische Einbettung der Bauten in den waldartigen, durch Kiefern dominierten Baumbestand des Areals sowie der hoch virtuose Einsatz von Farbe, speziell in den von Bruno Taut entwickelten Bauteilen. Zwar hatte Taut bereits in anderen Wohnanlagen (etwa der Gartenstadt Falkenberg, der Britzer Hufeisensiedlung und der Wohnstadt Carl Legien) Farbe prominent als Gestaltungsmittel eingesetzt – in der Waldsiedlung Zehlendorf wurde deren Einsatz aber noch weiter verfeinert und systematisiert.

Wegen dieser markanten, nur vermeintlich willkürlichen Farbigkeit wurde die Waldsiedlung Zehlendorf von der Berliner Bevölkerung bereits zur Bauzeit auf den Namen "Papageiensiedlung" getauft. Diese Bezeichnung war als Schmähbegriff negativ gemeint und wurde so auch von den Nationalsozialisten aufgegriffen wurde, trägt aber heute sehr wesentlich zur positiven Identifikation der Bewohnerschaft mit ihrer Siedlung bei.

Betrachtet man die Gestaltung, Farb- und Formgebung einzelner Bauteile und Grundrisse weist das Zehlendorfer Ensemble viele Parallelen zu der etwas früher begonnenen und etwa gleich großen Britzer Hufeisensiedlung auf, von der zahlreiche Bauteile, Module und Grundrisse übernommen wurden.

Hörenswert: Podcast zur geplanten Erweiterung des Welterbes
In Folge 046 der Serie "Amtsplausch" stellen sich Bezirksstadtrat Patrick Steinhoff und Landeskonservator Dr. Christoph den Fragen der Moderation.

Waldsiedlung Zehlendorf mit Glückwunsch zur Hinzufügung als siebte Siedlung des Welterbes, Foto/Post: BB
Fassadentypo an der Riemeisterstraße, Foto: BB
Standorte der sieben Siedlungen innerhalb Berlins, Grafik: BB
Übersicht der Bauabschnitte I-VII, mittig im Bild ist die Trasse der Linie U3 zu sehen – Planvorlage: Brenne Architekten