Groß-Berlin

Mit der Industrialisierung entstanden neue Arbeitsplätze in den stadtnah angesiedelten Fabriken rund um Berlin. im unmittelbarem Umfeld Berlins hatten sich weitere unabhängige Städte gebildet, die über eigene Infrastruktur und zum Teil auch eigene Versorgungsnetzwerke und Verkehrsbetriebe verfügten. Die Bevölkerungszahlen der Region stiegen kontinuierlich an und liessen eine verbesserte Abstimmung der Einzelgemeinden notwendig werden.

Seit 1850 hatte sich die Zahl der Bewohner der Großregion etwa alle 25 Jahre verdoppelt. Das damals flächenmäßig noch deutlich begrenztere Berlin galt damals als die am dichtesten besiedelte Stadt der Welt. Die Lebensbedingungen speziell der ärmeren Bevölkerungsschichten waren katastrophal. Die Politik musste handeln. 1908 wurde ein Wettbewerb für die Bebauung von "Groß-Berlin" ausgeschrieben. 1912 wurde erstmals ein sogenannter "Zweckverband" geschlossen, innerhalb dessen sich einzelne Städte und Gemeinden darauf geeinigt hatten, ihre dringend notwendigen Verkehrsplanungen, Bebauungspläne sowie polizeilichen Verordnungen untereinander abzustimmen. Dem Zweckverband gehörten die Städte Berlin [1,9 Millionen Einwohner/innen], Charlottenburg [322.766 Ew.], das aus Rixdorf hevorgegangene Neukölln [262.127 Ew.], Schöneberg [175.092 Ew.], Lichtenberg [144.623 Ew.], Wilmersdorf [139.406 Ew.], Spandau [95.472 Ew.] sowie die Kreise Teltow und Niederbarnim an. *

Der Sprung zur zusammenhängenden Metropole erfolgte aber erst 1920 durch die Ende April beschlossene Gründung von "Groß-Berlin". Hierbei wurden sieben Städte, 59 Landgemeinden, 27 Gutsbezirke und unter eine zentrale Verwaltung gestellt. Die Abstimmung in der verfassungsgebenden Preußischen Landesversammlung am 27. April 1920 fiel mit 164 gegen 148 Stimmen ziemlich knapp aus. Die meisten Befürworter kamen aus den Reihen von der SPD und USPD und damit aus dem linken politischen Spektrum. Die national-konservativ gesinnten Parteien votierten mehrheitlich gegen die Vereinigung. Auch die wohlhabenderen, bürgerlich geprägten Städte, wie Charlottenburg und Wilmersdorf, befürchteten wirtschaftliche Nachteile. Für die Entwicklung des Wohnungsbaus erwies sich der am 1. Oktober 1920 wirksam werdende Zusammenschluss jedoch als sehr günstig. Zum einen gab es große Flächenreserven für ausgedehnte Neubauprojekte, zum anderen hatte Berlin mehrere eigenständige Stadtteilzentren mit in sich funktionierender Infrastruktur.

Das neu entstandene polyzentrische "Groß-Berlin" erstreckte sich über eine Fläche von 878 Quadratkilometern. Dies entsprach dem Dreizehnfachen des alten, extrem hoch verdichteten Stadtgebiets. Auch die Bevölkerungszahl schnellte in die Höhe, verdoppelte sich dabei jedoch lediglich. Mit rund 3,8 Millionen Einwohner/innen rangierte Groß-Berlin quasi über Nacht hinter New York und London auf dem dritten Platz der bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Anders als in viele anderen wachsenden Metropolen Europas bot sich in Berlin aber die Chance, großräumig und mit vielen Grün- und Freiflächen großräumig geplante Neubaugebiete auszuweisen. Als die beiden treibenden Kräfte hinter dem Umbau zur Metropole gelten vor allem der von 1912–1920 amtierende parteilose Bürgermeister Adolf Wermuth sowie später dann der ab 1921 amtierende Oberbürgermeister Gustav Böß und der 1926 zum Stadtbaurat berufene Architekt Martin Wagner, dem eine Schlüsselrolle für den Bau der Siedlungen zukam.


[*] Die Bevölkerungszahlen wurden 1919 im Rahmen einer Volkszählung ermittelt –
zitiert nach: de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Großstädte_in_Deutschland

Weitere Weblinks und Quellen:

  • www.berlin.de/berlin100/geschichte/
  • Wolfgang Ribbe (Hg.): Geschichte Berlins. 2 Bände (Berlin 1987). 3., erweiterte und aktualisierte Auflage, Berlin 2002.
  • Harald Bodenschatz, Klaus Brake (Hg.): 100 Jahre Groß-Berlin. Wohnungsfrage und Stadtentwicklung. Lukas Verlag, Berlin 2017.
  • Markus Tubbesing: Der Wettbewerb Groß-Berlin 1910. Die Entstehung einer modernen Disziplin Städtebau. Verlag Ernst Wasmuth, Tübingen-Berlin 2017.


Grafik zur Bewohnerdichte um 1920, Quelle: EINFA-Nachrichten, Mietermagazin, gemeinfrei
Berlin-Karte mit Standorten der Welterbe-Siedlungen sowie weiteren Wohnanlagen aus den Zwischenkriegsjahren. Das heutigen Stadtgebiet entspricht in etwa dem Areal des 1920 neu geschaffenen Groß-Berlins, Das hoch verdichtete ehemalige Stadtgebiet im Zentrum ist farblich markiert © Quelle: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung / Landesdenkmalamt, Bearbeitung: Buschfeld.com